Bei mir wird es abends im Kopf oft erst so richtig laut. Tagsüber bin ich beschäftigt, und sobald es ruhig wird, kommt alles hoch, was ich den ganzen Tag weggeschoben hab.
Was mir da hilft, sind keine großen Routinen. Ich bin niemand, der jeden Abend eine Stunde meditiert. Mir helfen kleine Sachen, die ein paar Minuten dauern. Für jeden Sinn hab ich eine gefunden. Ich mach auch nicht jeden Abend alle fünf. Meistens such ich mir eine aus, je nachdem, wie der Tag war.
Riechen: immer derselbe Duft
Ich zünd am Abend eine Kerze an oder sprüh etwas Raumspray, und zwar immer den gleichen Duft. Irgendwann hat mein Kopf kapiert: Wenn's so riecht, ist der Tag vorbei. Klingt banal, funktioniert bei mir aber erstaunlich gut.
Schmecken: eine Tasse ohne Handy
Ein Kräutertee, und das Handy bleibt in der anderen Ecke. Das ist für mich ehrlich gesagt der schwierigste Teil. Aber die fünf Minuten, in denen ich nur die warme Tasse halte und trinke, sind oft die ruhigsten am ganzen Tag.
Fühlen: was spüren meine Hände gerade?
Wenn sich die Gedanken im Kreis drehen, versuch ich, mich auf etwas zu konzentrieren, das ich spüren kann. Eine warme Tasse, eine weiche Decke, das Lavendelkissen neben meinem Bett. Das holt mich aus dem Kopf zurück in den Körper. Nicht immer, aber oft.
Sehen: drei Sachen, die heute okay waren
Ich schreib mir drei Dinge auf, die heute gut oder wenigstens okay waren. Und es müssen keine großen Sachen sein. Der erste Kaffee in der Früh zählt. Eine nette Nachricht auch. An schlechten Tagen steht da manchmal nur „Ich bin aufgestanden“. Auch das zählt. Dafür hab ich Seiten im Mood Journal eingebaut, aber ein Zettel tut's genauso.
Hören: eine Minute nur hinhören
Augen zu, eine Minute nur hören. Was ist nah, was weit weg? Ein Auto draußen, der Kühlschrank, mein eigener Atem. Ich muss damit nichts machen, nur hinhören. Und an Abenden, an denen ich lieber Stimmen hören will, hör ich Podcasts. Deshalb gibt es auch meinen eigenen, „Neubeginn!“, wo ich ehrlich über die Dinge rede, über die sonst oft geschwiegen wird.
Und wenn's trotzdem nicht geht
Es gibt Abende, da hilft nichts davon. Das ist dann so, und das heißt nicht, dass du etwas falsch machst. Diese Rituale sind keine Pflicht und kein Test, sie sind einfach ein Angebot an dich selbst. Wenn es dir länger nicht gut geht, red mit jemandem, dem du vertraust, oder hol dir professionelle Hilfe. Ich hab das auch gemacht, und es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. In Österreich erreichst du die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 142.
Max